Call for Papers
Internierungslager

Geschichte und Gegenwart der (erzwungenen) Unterbringung und „Verwahrung“ von Geflüchteten

Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung (öge) in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte (Universität Wien) und dem Forschungsschwerpunkt „Migration, Citizenship and Belonging“ (Fakultät für Sozialwissenschaften, Universität Wien)

3.-4. Dezember 2020
Wien

Die – vielfach zwangsweise – Unterbringung und Anhaltung von Geflüchteten und Schutzsuchenden in (Sammel-)Lagern stellt nicht erst heute eine Praxis von Staaten zur Regulation und Kontrolle der Bewegung von Menschen über Grenzen hinweg dar. So etwa wurden während des Ersten Weltkriegs zehntausende ZivilistInnen als „feindliche Ausländer“ in Internierungslagern festgehalten. Während des Zweiten Weltkriegs (und auch schon davor) waren jüdische Flüchtlinge und andere Verfolgte des NS-Regimes in zahlreichen europäischen und außereuropäischen Transit- und Zufluchtsstaaten von derartigen Maßnahmen betroffen.

Nach Kriegsende 1945 entstand ein weitverzweigtes Netz an Lagern für Displaced Persons, zu denen unter anderem jüdische Überlebende der Shoah zählten. Auch in den verschiedenen anderen weltweiten Nachkriegskontexten von Flucht und Exil erwiesen sich Lager, unterschiedlich in Form und Typologie, als zentrales Instrument einer Limitierung der Bewegungsfreiheit und der Kontrolle von Flüchtenden.

Unter wiederum anderen Vorzeichen wird heute die Geschichte der Internierung von Geflüchteten und Schutzsuchenden weitergeschrieben: Inner- wie außerhalb Europas werden Modelle, die die Internierung von Geflüchteten vorsehen, diskutiert, erprobt und auch großflächig umgesetzt. Die aktuellen Praktiken der Immobilisierung und „Ein-Lagerung“  (Michel Agier) von Geflüchteten reflektieren eine allgemeine Entwicklung in den Bereichen Asyl und Migration: Staaten und Regierungen sehen in den Schutzsuchenden primär eine potentielle Gefahrenquelle, dementsprechend repressiv ist auch die Politik: Abschiebehaft und zwangsweise Rückführung sind heute weltweit zu häufig angewandten Maßnahmen der Migrations- und Asylregime geworden. Sie stehen vielfach im Widerspruch zu fundamentalen Menschenrechten und in einem – immer deutlicheren – Spannungsverhältnis zur Agenda von Nichtregierungsorganisationen, die sich um die Versorgung und Betreuung Geflüchteter kümmern.

Die Österreichische Gesellschaft für Exilforschung (öge) wird sich in ihrer Jahrestagung 2020 eingehend mit der Geschichte und Gegenwart von staatlich organisierter Aufnahme und erzwungener Unterbringung von Geflüchteten befassen. Im Fokus steht die vergleichende Perspektive, synchron und diachron. Ziel der Tagung ist es, im Bewusstsein der jeweiligen (zeit)historischen Kontexte, einerseits Parallelen und Unterschiede in den Praktiken und Formen der Internierung in Vergangenheit und Gegenwart in verschiedenen Ländern sichtbar zu machen; andererseits sollen die Beziehungs- und Handlungszusammenhänge, die das Lager als transitorischen Raum formen, thematisiert werden.

Der Call for Papers wendet sich an WissenschaftlerInnen unterschiedlicher Disziplinen sowie an Personen aus der Zivilgesellschaft sowie den Bereichen Kunst und Kultur, sofern sich diese mit den Themen „Lager“ und (zwangsweise) Unterbringung von Geflüchteten auseinandersetzen. Die Beiträge sollten sich mit einer der folgenden Perioden befassen beziehungsweise unterschiedliche Perioden miteinander in Beziehung setzen: Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs (1933 – 1945); Lager für Displaced Persons nach 1945; die Entwicklungen ab den 1960er Jahren und ganz besonders jene in der Gegenwart. Außereuropäische und globale Bezüge sind erwünscht. Das nationalsozialistische Lagersystem (Konzentrations-, Vernichtungs- und Zwangsarbeitslager) wird explizit nicht Thema des Symposiums sein.

Der Call for Papers ist geographisch und disziplinär offen. Die eingereichten Beiträge können sowohl lokal und fallbezogen als auch international oder historisch vergleichend sein. Vortragssprachen sind Englisch und Deutsch.

Mögliche Themen sind: 

  • Die Situation in verschiedenen Ländern und die Realität in einzelnen Internierungsstätten; Fallbeispiele: Entstehungsgeschichte, Beschaffenheit, Zusammensetzung der Lagergemeinschaften etc.
  • Lebenssituationen in Lagern: Formen von (Selbst-)Organisation, Solidarität, Resilienz, Widerstand; genderbezogene Erfahrungen; Erinnerungen und biographische Zeugnisse.
  • Beziehungen zur Außenwelt (Ausmaß der Abschottung und Kontrolle; Brückenköpfe etc.); die Rolle von HelferInnen und NGOs etc.
  • Politische und institutionelle Rahmenbedingungen; staatliches/behördliches Handeln; Repression, Gewalt, Diskriminierung und ihre Auswirkungen auf die Betroffenen.
  • Das Lager als „Geschäftsmodell“ (private und öffentliche AkteurInnen).
  • Die Reaktionen der ansässigen Bevölkerung: Solidarität, Ablehnung, Nutzengewinnung etc.
  • Biographien von Lagern: Transformation/Nutzung in unterschiedlichen Kontexten.
  • (Klare oder fließende) Grenzen zwischen organisierter Aufnahme, humanitärer Versorgung und zwangsweiser Internierung.
  • Die Typologie von Lagern, Abgrenzung gegenüber Formen zwangsweiser Internierung durch das NS-Regime, Faschismus und Stalinismus.
  • Das Lager als transitorischer Raum: Aspekte von Zeit, Raum und Identität
  • Das Leben nach dem Lager (Rückführung, „Integration“); Zusammenschlüsse von ehemaligen Internierten etc.
  • Die Rolle der Medien und der öffentliche Diskurs.
  • Kollektives Erinnern/Gedenkinitiativen.
  • Die (Nicht-)Anerkennung von Internierungslagern in Entschädigungsverfahren nach 1945.

Termine

bis 29. Februar 2020:  Vorschläge für einen Vortrag in Form von Abstracts mit einer Länge von 200 bis 300 Wörtern und Kurzbiographien der Beitragenden können an nora.walch@exilforschung.ac.at gesandt werden.
bis 31. März 2020: Auswahl der Vorträge
bis 31. Oktober 2020: Einreichung ausformulierter Vorträge

Organisationskomitee

Gabriele Anderl (öge), Linda Erker (Institut für Zeitgeschichte), Kerstin von Lingen (Institut für Zeitgeschichte), Christoph Reinprecht (öge/Institut für Soziologie), Nora Walch (öge)

Downloads

Call for Papers (deutsch)

Call for Papers (english)

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